Ärzte nicht zu Dienstleistern degradieren

Dr. Susanne Johna diskutiert mit Gesundheitspolitikern

Der Marburger Bund Hessen hat die gesundheitspolitischen Sprecher der im Hessischen Landtag vertretenen Fraktionen zu einer Podiumsdiskussion über die Zukunft des Gesundheitsstandorts Hessen eingeladen. Am 19.03.2018 wird MB-Landesverbandsvorsitzende Dr. Susanne Johna mit den Politikern über Herausforderungen und Chancen der Gesundheitsversorgung in Hessen diskutieren. Im Vorfeld der Veranstaltung haben wir mit ihr über ihre Erwartungen gesprochen.

Frau Dr. Johna, wie beurteilen Sie die derzeitige Situation des Gesundheitsstandorts Hessen?

Dr. Susanne Johna: Wir haben in Deutschland und auch in Hessen immer noch ein sehr gut funktionierendes Gesundheitswesen. Allerdings haben Veränderungen in den letzten Jahren zu Fehlentwicklungen geführt, deren Auswirkungen jetzt zunehmend Probleme bereiten. Auch das Land Hessen ist über viele Jahre seiner Verpflichtung zur ausreichenden Finanzierung der Investitionskosten der Kliniken nicht nachgekommen. Gleichzeitig gibt es Engpässe in der Versorgung im ländlichen Bereich, immer öfter können niedergelassene Kolleginnen und Kollegen keinen Nachfolger für ihre Praxis finden.

Der medizinische Fortschritt und die demographische Entwicklung führen aller Voraussicht nach zu steigenden Patientenzahlen und gleichzeitig immer kostenintensiveren Behandlungsmethoden. Benötigen wir mehr Geld im System oder lässt sich die zu erwartende Kostensteigerung durch Nutzung vorhandener Effizienzreserven abfedern?

Dr. Susanne Johna: Die sogenannten Effizienzreserven im System sind schon vor vielen Jahren gehoben worden. Beispielsweise konnte die Liegezeit der Patienten in den Krankenhäusern durch Organisationsverbesserung reduziert werden. Es reicht aber nicht, effizient zu sein, sondern Patientenversorgung muss auch möglichst gut im Sinne von zielerreichend, also effektiv, sein. Dazu gehört bei der ärztlichen Versorgung aber nicht nur eine optimale medizinisch-technische Behandlung. Wird Effizienzsteigerung übertrieben, entsteht eine Entmenschlichung im Gesundheitswesen. Der Arzt wird zum Dienstleister degradiert und der Patient zum Teil einer Wertschöpfungskette. Dieser Entwicklung wollen wir als Marburger Bund entschieden entgegentreten. Wir fordern mehr Zeit für eine gute Weiterbildung der Ärztinnen und Ärzte, für Zuwendung in der Patientenbetreuung und für Prävention. Insofern wird auch mehr Geld ins System fließen müssen.

Die Patientenzahlen in der Notfallversorgung steigen seit Jahren. Wie kann auch in Zukunft eine verlässliche Versorgung der Notfallpatienten gewährleistet werden?

Dr. Susanne Johna: Eine Verbesserung in der Notfallversorgung setzt eine Verknüpfung des ambulanten und stationären Sektors voraus. Es darf nicht so bleiben, dass Notdienstpraxis und Notaufnahme nur nebeneinander am gleichen Ort vorhanden sind, diese Bereiche müssen auch tatsächlich miteinander – auch digital – verknüpft werden. Durch gemeinsame medizinische Anlaufstellen und eine fundierte Ersteinschätzung an allen Stellen des primären Patientenkontakts in gleicher Form lassen sich doppelte Inanspruchnahmen vermeiden und personelle Ressourcen zu Gunsten der Patientenversorgung heben.

Die medizinische Versorgung im ländlichen Raum ist seit Jahren kritisch zu beurteilen. Wie sehen Sie vor diesem Hintergrund die anhaltenden Konzentrationstendenzen bei den Krankenhäusern?

Dr. Susanne Johna: Von der Politik wird häufig die zunehmende „Landflucht“ der Bevölkerung thematisiert und zu Recht kritisch gesehen, denn die Probleme, die Ballungszentren mit sich bringen, sind hinlänglich bekannt. Wenn man aber wirklich möchte, dass ländliche Strukturen erhalten bleiben, kann man nicht zum Zweck der Einsparung erst Büchereien, dann Schwimmbäder, dann Schulen und zuletzt auch noch das Krankenhaus im ländlichen Bereich schließen. Auch für die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte wird es dann noch unattraktiver, sich in einem solchen Bereich niederzulassen.

Sinnvoller wäre es, einen Blick in die Ballungsräume zu werfen und sich zu fragen, ob mehrere Krankenhäuser in enger räumlicher Nähe die gleichen Versorgungsbereiche anbieten müssen.

An welches Publikum richtet sich die Veranstaltung?

Dr. Susanne Johna: Wir wollen diejenigen ansprechen, die im hessischen Gesundheitswesen tätig sind und sich im Jahr der Landtagswahl informieren wollen, wie sich die verschiedenen Parteien positionieren. Zum anderen sind diese Themen aber für alle Mitbürger interessant, denn Patienten sind wir alle irgendwann einmal.

Zur Person: Dr. Susanne Johna ist Landesverbandsvorsitzende des MB Hessen und Spitzenkandidatin für die Kammerwahl.  

Autor: mo

 

Zurück